Epiphanias – ein Stern verändert die Richtung.
Er gibt Menschen eine neue Ausrichtung. Sogar Könige brechen auf, weil sie einem Zeichen folgen, das sie aus dem Gewohnten herausführt. Epiphanias erzählt davon, dass Gott sich zeigt – und Menschen daraufhin in Bewegung geraten. Nicht, weil alles geklärt wäre. Sondern weil sie sich ansprechen lassen von einer Verheißung, die größer ist als das, was sie kennen.
In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, denen genau das fehlt: ein innerer Leitstern. Eine Vorstellung davon, dass das Leben anders – und gut – sein könnte.
Diese Fähigkeit, sich innerlich neu auszurichten, gehört zum Immunsystem der Seele: zur Resilienz. In meiner Forschung und Praxis beschäftige ich mich mit der Frage, wie Resilienz durch Religion gestärkt werden kann. Tatsächlich finden sich in der biblischen Tradition kraftvolle Ressourcen dafür – besonders in ihren Geschichten. Geschichten von Aufbruch und Zweifel, von Hoffnung mitten in der Krise. Deshalb arbeite ich als Coach und Organisationsberaterin bewusst auch mit biblischen Bildern.
So etwa mit einer Frau, die seit Jahren unglücklich ist und dennoch in ihrer Ehe bleibt. Sie weiß, was sie belastet. Sie weiß, was sie müde macht. Und sie weiß auch, dass sich etwas verändern müsste. Trotzdem bleibt sie. Nicht aus Bequemlichkeit. Nicht aus Angst.
Was sie bindet, ist ihr Unvermögen, sich ein anderes Leben vorzustellen.
Auch ihre Eltern haben in ihrer Beziehung wenig Glück erlebt. Sich selbst ein erfüllteres Leben zu erlauben, fühlt sich für sie fast wie ein Verrat an – als müsste sie das Leid der Generationen mittragen. Aus Loyalität. Aus Liebe. Aus Pflicht.
Ein ähnliches Muster erlebe ich in der Begleitung von Teams, gerade in kirchlichen und gemeinnützigen Organisationen. Nach Jahren hoher Belastung ist die Kraft für einen erneuten Aufbruch gering. Zu oft musste man sich anpassen, zu viel Flexibilität wurde verlangt.
„Unsere Arbeit ist doch gut“, sagen sie. „Warum schon wieder neu?“
Unter dieser Müdigkeit liegt eine alte, biblisch vertraute Angst:
Was, wenn wir den sicheren Boden verlassen – und es am Ende nicht besser wird?
Was, wenn wir im Neuen keine Rolle mehr spielen?
Die Resilienzforschung bestätigt, was sich hier zeigt: Menschen bestehen Krisen nicht allein durch Kraft oder Durchhaltevermögen. Ein zentraler Schutzfaktor ist die Fähigkeit, sich eine Zukunft vorstellen zu können. Hoffnung – nicht als naiver Optimismus, sondern als innere Orientierung.
Fehlt diese Zukunftsperspektive, bleiben Menschen oft in dem, was ihnen schadet. Nicht, weil sie nicht mutig genug wären. Sondern weil ihnen das innere Bild fehlt, das einen ersten Schritt sinnvoll erscheinen lässt.
Die Bibel kennt diese Erfahrung. Viele ihrer Texte sind in Zeiten entstanden, in denen Menschen nicht wussten, wie es weitergehen soll. Besonders die Visionstexte des Propheten Jesaja sprechen in solche Situationen hinein. Sie richten sich an Menschen im Exil – erschöpft, desillusioniert, ohne Kraft. Jesaja zeigt keinen fertigen Weg. Aber er entwirft Bilder: von Licht, von Weite, von neuem Leben. Und er spricht die Zusage aus: Gott wirkt Neues. Noch ist es klein. Doch es beginnt.
Im Coaching mit der Frau arbeiten wir genau damit. Wir bleiben nicht bei der Frage: Was soll ich tun?
Sondern wenden uns der Frage zu: Wer möchte ich werden?
In einer angeleiteten Imagination, inspiriert von jesajanischen Visionen, entsteht erstmals ein inneres Bild, das nicht aus der Vergangenheit stammt, sondern aus einer möglichen Zukunft. Ein Bild von Lebendigkeit, von Beziehung, von Würde. Noch ist nichts entschieden. Aber etwas hat sich verschoben. Eine Richtung wird spürbar – wie ein Stern.
Auch im Team verändert sich der Prozess, als wir ihn biblisch rahmen. Veränderung fühlt sich nicht nach Aufbruch an, sondern nach Wüste: nach dem Verlust vertrauter Sicherheiten, nach einem Weg ohne Garantien. Die Bibel verschweigt das nicht. Der Auszug Israels aus der Knechtschaft ist kein Triumphzug, sondern ein langer Wüstenweg. Und sie erzählt auch das: Die Generation, die ausgezogen ist, stirbt unterwegs. Der Weg wird gegangen – für die, die nach ihnen kommen.
Diese Perspektive verändert etwas. Die Frage lautet nicht länger: Was verlieren wir?
Sondern: Wofür gehen wir diesen Weg? Für wen gestalten wir Veränderung?
Hier beginnt Hoffnung. Nicht als Vertröstung, sondern als Kraftquelle. Hoffnung bedeutet, das Leben als verstehbar, handhabbar und sinnvoll zu erleben – das, was der Soziologe Aaron Antonovsky das Kohärenzgefühl nennt. Der Glaube kann genau hier ansetzen: Er eröffnet Sinnräume, in denen Menschen sich neu orientieren können.
Epiphanias erinnert daran, dass Veränderung mit einem Zeichen beginnt. Mit einem Stern.
„Steh auf und geh“ – dieser Satz aus den Wundergeschichten Jesu ist keine moralische Aufforderung. Er ist eine Einladung.
Vielleicht stehen auch Sie an einem Punkt, an dem Sie spüren: So wie es ist, kann es nicht bleiben.
Dann nehmen Sie sich einen Moment Zeit.
Atmen Sie bewusst ein und aus.
Und fragen Sie sich nicht zuerst: Was soll ich tun?
Sondern: Wie möchte ich in dieser Situation werden?
Welches innere Bild zeigt sich?
Resilienz wächst nicht durch große Entschlüsse, sondern durch tragfähige innere Bilder, aus denen Schritte entstehen. Solche Bilder kann die Bibel schenken. Diesen Ansatz nenne ich Biblioresilienz.
In meinem Praxisbuch Lass dein Licht leuchten und in meiner Coaching- und Change-Begleitung unterstütze ich Menschen und Teams dabei, solche inneren Bilder zu entwickeln – für persönliche Entscheidungen und für gemeinsame Wege in Veränderung.
Epiphanias markiert keinen fertigen Neubeginn.
Aber es weist eine Richtung.
Und manchmal genügt das, um aufzustehen – und loszugehen.
Weiterlesen & Vertiefung
Eine Zusammenfassung meines Artikels erschienen bei Chrismon:
Dort habe ich die Frage nach dem Mut zum Neubeginn öffentlich-theologisch entfaltet:
„Wie finde ich den Mut, einen neuen Weg einzuschlagen?“
https://chrismon.de/artikel/57748/wie-finde-ich-den-mut-einen-neuen-weg-einzuschlagen